Das allgemeine Priestertum aller Gläugigen, wie es Luther haben wollte, ist zu einer Amtskirche und einem Verwaltungs-Apparat geworden.

Vorab: Ich liebe meine Kirche!

Ich habe nicht resigniert.

Was ich hier schreibe, geschieht aus Hoffnung für diese Kirche heraus.

 

Luther würde heute vermutlich wieder Thesen anschlagen.

Waren es zu Luthers Zeiten Priester und Mönche, die das alleinige Recht für sich reklamierten, die Bibel zu verstehen, so sind es heute die Machtstrukturen der Amtskirche, die die Mündigkeit der Gläubigen zu verhindern suchen.

Natürlich wird das so nicht ausgesprochen, aber das Kirchenrecht wurde über Jahrzehnte so gestaltet, dass dies das Resultat ist.

 

Schauen wir uns doch die landeskrichlichen Gottesdienste an.

Wo wird dem Heiligen Geist Raum eingräumt?

Wo wird zugelassen, dass dieser Geist "weht, wo er will"?

Die gottesdienstliche Ordnung, zumindest in Württemberg, lässt Gemeindegliedern doch gar keinen Raum, Gaben einzubringen!

Die Gemeinde darf nur lautwerden, wenn fertige Kirchelieder gesungen und fertig formulierte Gebete gesprochen werden.

Jeder Satz ist vorgegeben.

Wer diese Struktur durchbricht, stört die gottesdienstliche Ordnung.

Der Heilige Geist wird zum Störenfried.

Aus lauter Angst, es könnte Auswüchse geben oder jemand seine Gaben unreif einsetzen, verhindert man jeden Gebrauch.

 

Angeeignetes Wissen wird höher bewertet, wie geistliches Verständnis oder bewährter Glaube.

Gaben des Heiligen Geistes spielen dabei überhaupt keine Rolle.

 

Wer diese Aussage nicht glauben will, der stelle sich folgendes Szenario vor:

In einer Kirchengemeinde gibt der Heilige Geist einem Menschen die Gabe der Predigt.

Darf er nun predigen?

Nein!

Denn er hat nicht Theologie studiert!

Auch ein Prädikant darf in Württemberg nur sich vorgefertigte Predigen "zu eigen" machen.

Selbst Predigen schreiben darf er nur, wenn er einen Kurs absolviert hat.

Dieser Kurs ist so angelegt ist, dass Menschen in nicht-staatlichen Berufen praktisch keine Chance haben, ihn zu absolvieren.

Die alte "Lektoren-Ordnung" wurde nur umbenannt in "Prädikanten-Ordnung".

Praxis und Ausbildung haben sich nicht geändert.

Ich habe das an anderer Stelle schon mal als "Etikettenschwindel" bezeichnet.

So nennt man etwas, bei der Inhalt von dem "Aufkleber" abweicht.

 

Erweitern wir dieses Szenario:

In einer Kirchengemeinde ist ein Pfarrer, der ein begnadeter Seelsorge ist, aber ganz offensichtlich nicht predigen kann (auch wenn Pfarrer das nicht hören wollen: es gibt diese Fälle!).

Dieser Pfarrer muss predigen, weil er ja Theologie studiert hat und das Pfarrgesetz es verlangt.

Er darf nur in Ausnahmefällen das von Gott begabte Gemeindeglied predigen lassen.

Predigen ist zu einem Handwerk geworden, bei dem der Heilige Geist nicht mehr erforderlich ist.

Jeder, der die akademischen Regeln für eine Predigt befolgt, kann es lernen.

 

Wo Predigen eine Geistesgabe ist und nicht nur ein erlerntes Handwerk, da sieht man es an den Früchten.

"Es ging den Menschen durchs Herz" hiess es von der Predigt des Petrus. 

Petrus, ein Fischer ohne theologische Ausbildung.

Bei solchen von Gott bestätigten Predigern geschieht Veränderung.

Da entsteht Hunger nach dem Wort Gottes.

Da kehren Menschen um.

Da werden Menschen zu Nachfolgern Christi.

Da werden Menschen ehrlich zu sich selbst und zu anderen.

Da entsteht echte, tiefe Gemeinschaft.

Und: Da ändert sich der Umgang miteinander.

"Seht, wie sie einander so lieb haben", wird von den ersten Christen berichtet.

 

Wie mir Theologie-Stundenten aktuell erzählt haben, wird auch heute noch die Theologie-Ausbildung so betrieben, als ob der zukünftige Gemeindepfarrer mit allen Gaben ausgestattet wäre.

Der Amtsauftrag und die Ordination versorgen ihn vermeintlich mit allen nötigen und denkbaren Gaben.

Dass dies nicht so ist, ist wohl unbestritten.

Unbiblisch ist dazu auch noch.

Offensichtlich stellt sich Gott seine Gemeinde anders vor.

 

Die Konsequenzen für den Gemeindeaufbau sind fatal:

Alles steht und fällt mit der Begabungen, die der Pfarrer selbst hat!
Kann er nicht organisieren, entstehen keine Gruppen und Kreise
Kann er sich selbst nicht organisieren, leiden alle Arbeitbereiche darunter
Kann er nicht delegieren, wachsen keine eigenverantwortlichen, erwachsenen Leiter heran
Kann er nicht predigen, wird die Gemeinde nicht aufgebaut
Kann er nicht eine Vision vermitteln, entsteht keine Leidenschaft
Kann er nicht durch Ziele leiten, hat er unselbstständige Mitarbeiter um sich
Kann er nicht lehren, entsteht keine Jüngerschaft
Hat er nicht die Gabe der Heilung, bleiben Gemeindeglieder krank
Hat er nicht die Gabe der prophetischen Rede, fehlt der Gemeinde die Korrektur

 

Es entsteht also nur das, was der Pfarrer selbst mit seiner persönlichen Kraft, seiner persönlichen Begabung und der ihm von Gott verliehenen Gaben schafft.

Nach ein paar Jahren zieht er weiter in die nächste Gemeinde und alles, was er gemacht hat, bricht zusammen.

Dann beginnt der Prozess von Neuem.

 

Ein biblisch fundiertes Gemeindebild sieht anders aus.

Da ist es selbstverständlich, dass Organisation, Predigt, Lehre, Dienste, etc. auf unterschiedliche Schultern verteilt sind.

Ich habe bisher nur einen Pfarrer getroffen, der dies wirklich verstanden hat.

Auch wenn ich ihn hier nicht nennen darf, sein Kernsatz ist mir unauslöschlich im Gedächtnis:

"Alles, was ich selbst (ärmlich) tue, verhindert, dass es jemand anderer (exzellent) tut".

Die heutige Theologie-Ausbildung und die Machtstrukturen der Landeskirche verhindern Gemeindeaufbau!

Es sind die Ausnahme-Persönlichkeiten, die sich davon frei machen.

Und: Sie arbeiten oft am Rand oder sogar ausserhalb der kirchlichen Legalität, weil sie gegen das Pfarrgesetz oder die Kirchengemeindeordnung verstossen.

Gottes Gesetze hier, menschliche Gesetze da.

Die Ausnahmen bestätigen die Regel!

 

Noch heute wird den Theologiestudenten beigebracht, dass der Pfarrer ein allumfassendes Vorbild zu sein habe.

Vorbild, in dem er auf alle Fragen eine Antwort hat.

Er darf durch nichts seine Gemeindeglieder verunsichern.

Sicherheit und Souveränität muss er austrahlen.

Das verbietet ihm folgerichtig, Gemeindegliedern gegenüber Schwächen und Fehler zuzugeben.

Das verbietet ihm auch, transparent in Gemeinschaft mit Gemeindegliedern Nachfolge zu leben.

Das verbietet ihm aber auch, Gemeindeglieder geistlich ernst zu nehmen.

Nach diesem falschen Verständnis kann es nicht sein, dass ein Pfarrer von Gemeindegliedern geistlich profitieren kann.

Der Pfarrer ist der Vater der Gemeinde.

Oder, wie es hier ein Ortspfarrer gesagt hat: "Ich bin der Papst der Gemeinde".

Anders ausgedrückt: "Alles was ich sage, ist richtig und unanfechtbar"

 

Betrachten wir dieses Bild Vater-Kinder genauer.

In der Kindererziehung ist seit über 20 Jahren bekannt, dass Eltern einen großen Fehler machen, wenn sie versuchen, fehlerlos zu sein.

Die Eltern sind die ersten unvollkommenen Menschen, mit denen es ein Kind zu tun bekommt!

An ihnen lernt es, wie man mit Unvollkommenheit lebt.

Wer es selbst ausprobiert hat, kann bestätigen, wie entspannend das Zusammenleben dadurch wird.

(Unsere vier Kinder lassen sich gern dazu befragen)

Und wer bahauptet, die Autorität würde darunter leiden, der irrt sich gewaltig.

Ich kann, aus praktischer Erfahrung mit unseren vier Kindern sagen: es ist umgekehrt!

 

Übertragen wir dieses Bild auf den Pfarrer.

Es ist falsch und unbiblisch, wenn Theologieprofessoren ihren Studenden sagen:

"Die Gemeindeglieder erwarten einen Pfarrer, der sicher, souverän und fehlerlos als Vorbild vorweg geht".

Die Gemeindeglieder erwarten es nicht; man hat sie so erzogen.

Und für den Pfarrer ist es sehr bequem; man hinterfragt nichts von dem, was er sagt oder tut.

 

Was erwarten die Menschen wirklich?

Sie suchen nach einem Vorbild, das ihnen zeigt, vorlebt, wie man mit Fehlern, Schwächen, Unvollkommenheiten als Christ lebt.

Nicht darüber redet! Es vorlebt!

Wenn wir tatsächlich aus der Gnade und der Barmherzigkeit unseres Gottes leben, dann zeigt sich das am Deutlichsten daran, wie wir mit eigenen Schwächen und Fehlern umgehen!

Das gilt ganz besonders für geistliche Leiter!

 

Denken wir konstruktiv.

Was wäre nötig, um über 10, 20, 30 Jahre kontinuierlich in einer Gemeinde Aufbau-Arbeit machen zu können?

Ein paar Thesen:

a) Entkopplung der Gemeinde-Arbeit von der Person des Pfarrers (Pfarrer kommen und gehen)

b) Entkopplung von Predigtamt und Gemeindeleitung
c) Aufbau von Leitungs-Strukturen, die nicht am Pfarrer hängen (kein "Management By Bonsai")
d) Konkrete Wege, dass alle(!) Begabungen zum Einsatz kommen (kein "Management By Champignon")
e) Keine Reservierung von Begabungen auf "Studierte" (kein "Management By Cromosom")
f) Rechtliche Stärkung der Ortsgemeinde gegenüber dem Macht-Apparat "Kirche" (kein "Management By Helicopter")
g) Gehalt der Hauptamtlichen orientiert sich (zumindest teilweise) an Erfüllung messbarer Ziele
h) Mitarbeiter, Haupt- wie Ehrenamtliche, werden ihren Begabungen entsprechend eingesetzt
i) Aufbau von Dienst-Strukturen, statt Macht-Strukturen
j) Abschaffung der Kirchensteuer

k) 90% der örtlichen Gemeinde-Einnahmen bleiben in der örtlichen Gemeinde

l) Verwaltungs-Strukturen ausserhalb Ortsgemeinde erhalten 10% der Gemeinde-Einnahmen (und müssen damit auskommen)

 

Das geht nicht?

Man lese dazu die Thesen von Klaus Douglas oder die Bücher von Bill Hybels!

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