Es begann vor einigen Jahren: Angeregt durch ein Geschenk unseres Landesprädikantenpfarrers, begann ich mich mit Erzählpredigten zu beschäftigen. Fast zeitgleich "begegenete" ich zum ersten Mal einer Kumquat-Handpuppe.

Mich faszinierte, wie sie nicht nur auf Kinder, sondern auch auf Erwachsene aller Alterschichten wirkte. Ab diesem Zeitpunkt gehörte "Marvin" zu unserer Familie.

In den nächsten Wochen und Monaten begann die Ausbildung zum Puppenspieler bei Frau Katja Krebs, Düsseldorf.

Mit dem Gedanken, ein Handpuppe im Hauptgottedienst einzusetzen (zu dieser Zeit war ich noch Prädikant), betrat ich aber Neuland. Auch Frau Krebs konnte, trotz ihrer zahlreichen Kontakte, mir niemand nennen, der dies schon versucht hätte. Kindergottesdienst: JA. Familiengottesdienst: JA. Aber ihm "normalen" Hauptgottesdienst? Ist das überhaupt denkbar? Ist das angemessen?

In dieser Zeit gab es einige Pfarrer oder Kirchengemeinderäte, die es wagten, mich eine Predigt im Dialog mit "Marvin" halten zu lassen. "Wenn es beim ersten Mal nicht klappt, dann halt beim zweiten Mal", sagte mir z.B. Pfarrer Reinhold Schäfer und lies mich auftreten. Allen, die den Mut dazu hatten, an dieser Stelle ein herzliches "Danke".

Mit jedem weiteren Versuch kristalisierten sich einige Punkte heraus, die mir für den Einsatz einer Handpuppe in der Predigt wichtig erschienen:

a) Es geht um Gottes Wort! Jux und Dollerei haben da keinen Platz
b) Die Würde eines Gottesdienstes muss gewahrt bleiben - auch wenn die Form anders ist
c) Die Handpuppe kann kein kleines Kind darstellen, das mit piepsiger Stimme Unsinn plappert

Den handwerkliche Umgang mit der Handpuppe übte ich vor dem Spiegel oder vor der Video-Kamera:
Schaut die Puppe das Gegenüber an?
Ist die Puppe präsent?
Bewegt sie den Mund synchron?
Sind die Handbewegungen passend?

Die meisten Handpuppenspieler lassen die Puppe mit piepsiger Kinderstimme "sprechen". Dabei wird für den Zuschauer sehr deutlich, wer gerade spricht: Der Puppenspieler oder die Puppe. Dieser Stil erschien mir aber für eine Predigt nicht passend zu sein. Mit Frau Krebs probierte ich dann etwas anderes: Die Puppe spricht "Schweizerdeutsch". In Deutschland ist dieser "Dialekt" bekannt geworden durch den Komiker Emil Steiberger.
Der Erfolg war durchschlagend! Nicht nur, dass dieser "Dialekt" überall gut ankommt - er erlaubte mir, die Puppe mit der Stimme eines Erwachsenen "sprechen" zu lassen. Jetzt sind unsere Dialoge die, zwischen einem ältern und einem jungen Mann!

Viel schwieriger war, wie denn eine Predigt mit der Handpuppe aufgebaut sein müsste. Ganz praktisch gehe ich inzwischen so vor, dass ich die Predigt ganz klassisch vorbereite. Eine große Hilfe ist mir dabei die MindMap-Methode. Ich versuche dabei, die Zahl der angesprochenen Punkte niedrig zu halten.
Im zweiten Schritt wird die Predigt in einen Dialog aufgelöst. Aus reinen Aussagen oder Erklärungen müssen dabei Fragen, Antworten und vielleicht auch mal Protest werden.
Im dritten Schritt wird der Dialog mit überaschenden, auflockernden, vielleicht auch provozierenden Elementen emotional gestaltet. Lachen, Betroffenheit und Wiedererkennen eigener Lebenssituationen stehen dabei im Vordergrund.
Eine Predigt so vorzubereiten dauert mindestens 2-3 Tage. Der Aufwand ist immens. Die reaktionen der Gemeinden zeigen aber, dass sich dieser Aufwand lohnt. Eine alte Dame kam nach einem solchen Gottesdienst auf mich zu. Ich erwartete Kritik. Aber sie sagte. "Wissen Sie, das mit der Puppe finde ich gut. Ich kann so dem Predigt-Thema viel besser folgen, weil es nicht so schnell geht". Das war Ermutigung pur! "Marvin" darf die Fragen stellen, die sich niemand getraut zu fragen. Er darf da verständnislos reagieren, wo die Gottesdienstbesucher ihre Zweifel niemals laut äussern würden. Er ist aber auch ein ernstzunehmender Gesprächpartner, der mich selbst auf Unglaubwürdigkeit oder Widersprüche aufmerksam macht. Er ist nicht der Dumme! Gerade wenn er mich auf Fehler aufmerksam macht, gehört ihm die volle Sympathie der Gemeinde! Und alle sind gepannt, wie es weitergeht.

Eine Predigt mit "Marvin" ist nicht länger als sonst. 20-25 Minuten. Sie ist abwechslungreicher wie ein Monolog. Eingeschlafen ist "uns" dabei noch niemand.

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