Es war wieder so weit. Die Scheinverlängerung stand an. Damals waren dazu noch eine mindest Zahl von Flugstunden erforderlich. Und die hatte ich noch nicht komplett beeinander. Da traf es sich gut, dass sowohl unsere gute Freundin Birgit mit ihrer Tochter nach St.Peter-Ording wollte und meine jüngste Tochter Christine mit einem schwer entzündeten Fuss aus Berlin irgendwie heimkommen wollte.

 

Birgit häte ja auch mit dem Zug fahren können (ihr Mann wollte, beruflich verhindert, zwei Tage später nachkommen.), aber der Reiz geflogen zu werden, war doch zu groß! Das Wetter sah gut aus und früh morgens starteten wir mit unserer vereinseigenen Piper PA-28 D-EXPO von Poltringen in Richtung Norden. Um keine "Kotzeritis" aufkommen zu lassen, stieg ich über die vereinzelten Wolken und mit 3-achsigem Autopilot ging es vollkommen ruhig dahin. Wer das nie erlebt hat, kann sich nicht vorstellen, dass so ein Flug über der Inversions-Schicht ruhiger verlaufen kann, wie mit dem besten Auto auf der besten Autobahn. Das Brummen des Motors, das leichte Vibrieren des Flugzeugs - die Tochter schlief ein und hatte bis zu Landung nichts vom Flug mitbekommen. Dabei war die Sicht durch die Wolkenlücken ausgesprochen schön!

 

50 km vor der Küste waren allerdings unter uns die Wolken zu einer geschlossenen Decke zusammengewachsen und ich begann mir Gedanken zu machen, was ich tun würde, wenn sich das nicht ändern würde. Im Kopf schnell durchrechnen: Bisher verbrauchter Sprit, Strecke zurück bis zur letzten Position, an der ein Sinkflug nach Sicht durch die Wolken möglich wäre, usw. usw. Alles überflüssig, da sich zeigte, dass kurz vor der Küste die Wolken gänzlich aufhörten! Langer Sinkflug auf Platzrundenhöhe, Anflug und Landung in St. Peter-Ording. Auftanken. Ein schneller Kaffee mit Birgit, mehr Zeit blieb nicht. Ich wollte schliesslich noch am selben Tag nach Berlin und von da zurück nach Poltringen!

Dieser Flug hatte allerdings noch ein pikantes Nachspiel: Wie mir später zugetragen wurde, würde in Nebringen das Gerücht umgehen, dass Birgit und ich die Abwesenheit unserer Ehepartner zu einem intimen Wochenende genützt hätten! Ich konnte zwar die Quelle des Gerüchts, eine im Ort gut bekannte Frau, ausmachen, aber die Verbreitung natürlich nicht mehr stoppen. Meine Sorge galt Birgit und wie sie auf diese Unterstellung reagieren würde. Welch ein Glück! Sie lachte schallend! Da jeder Flug in Deutschland an mindestend drei Stellen protokolliert wird, wäre die Beweisfüührung eindeutig gewesen! Die Verursacherin hatte aber wohl weniger die Sorge um unsere Ehen umgetrieben, als die Freude darüber, ein Gerücht streuen zu können. Bis heute ist jedenfalls "St. Peter-Ording" ein Strichwort, das jedesmal Heiterkeit auslöst. Nicht auszudenken, wenn die Situation nicht so eindeutig gewesen wäre!

 

Der Weiterflug nach Berlin verliefproblemlos. Mit einer Ausnahme: Mein Strich in der Karte war zwar richtig, aber mein tatsächlich geflogener Kurs verlief etwas weiter südlich. Nicht viel. aber immerhin so viel, dass ich über die Ecke eines militärischen Schiessgebietes geflogen bin! Glück für mich: Das Gebiet war an diesem Tag nicht aktiv und damit war mein Flug auch nicht als "unerlaubter Fug in militärischem Sperrgebiet" zu werten.

 

Der spannendste Teil aber kam natürlich, als es in Richtung Tempelhof ging. Da war dieser historische, für Berlin so wichtige Platz, noch in Betrieb. Anflug über die Wohnblöcke, wie man es aus Filmen über die Luftbrücke kennt. Man fühlt sich als Teil der Geschichte, wenn man sich daran erinnert, dass mit solchen Flügen das Überleben der Stadt gesichert wurde. Für mich ist es bis heute nicht nachvollziehbar, dass Berlin diesen Platz geschlossen hat. Ein Stück lebendige Geschichte ging so verloren. Ich bin froh, dass ich zwei Mal die Chance hatte, diesen Platz anzufliegen.

 

Sofort wieder auftanken und dann ins Abfertigungsgebäude. Man muss es erlebt haben, um den Eindruck zu verstehen, den dieses Gebäude ausstrahlt. Die halbrunde Form, das weit überragende Dach, unter dem Flugzeuge im Trockenen stehen konnten. Nicht nachvollziehbar, dass es dafür keine Verwendung gegeben hätte!

 

Natürlich bin ich dann auch sofort zur Wetterberatung, um den Rückflug zu besprechen. Die Nachrichten klangen nicht gut: Eine Front quer über ganz Deutschland! Umfliegen unmöglich. Es blieb nur die Lösung, bis dicht an die Front heranfliegen, auf dem nächstgelegenen Flugplatz zu landen und den Durchzug der Front abzuwarten. Mein Wetterberater war in echter Sorge um mich. Die Front musste wohl wirklich überdurchschnittlichdicht sein. "Bitte rufen Sie mich an, wenn Sie sicher gelandet sind", war seine eindringliche Bitte.

 

Aber ich musste doch zurück! Christine war ja nur dank meiner Schwester aus dem Krankenhaus entlassen worden! Als ehemlige OP-Schwester kannte sie die Ärzte und nur ihrer Intervention war es zu verdanken, dass Christine entlassen wurde. "Keinen Schritt zuviel! Das Bein muss den ganzen Transport über ruhig gestellt sein!". Den Ausschlag gab dann der Satz von Christine: "Mein Vater holt mich mit dem Flugzeug ab". Wie großkotzig! Dass es sich nur um eine einmotorige kleine Piper vom Verein handelte, sagte sie natürlich nicht dazu! OK, Christine und ihre Freundin mit Gepäck ins Flugzeug gepackt, den Co-Pilotensitz so weit wie möglich nach hinten geschoben und das Bein so gelagert, dass es ruhig gestellt war, aber nicht das Seitenruder blockierte. Eine Aufgabe, die nur der einschätzen kann, der das mal in einer PA-28 versucht hat!

 

Von Berlin aus ging es dan nach Süd-Osten. Über uns dunkle Wolken, in Flugrichtung dunkler Dunst, aber Sicht von über 10 Kilometern. "Hoffentlich bleibt es so". Je weiter es nach Süden ging, desto dunkler wurde es vor uns. Der grau-schwarze Dunst ging immer tiefer runter. Ich wählte meine Flugroute nicht als eine direkte Linie nach Poltringen, sondern flog in leichtem Zick-Zack von Landeplatz zu Landeplatz. Immer wieder der Blick nach hinten. Ist der Weg zum letzten Landeplatz noch frei? Oder würde sich die Front hinter mir schliesen? So stellte ich sicher, dass ich in jedem Fall noch mit einer Kehrtwende zurück und landen könnte. Aber ich wollte doch meine Tochter so schnell wie möglich nach Hause, ins Bett bringen, um ihren beschädigten Fuss nicht unnötig zu belasten!

 

Der graue Dunst vor mir wurde zur schwarzen Wand. Und diese Wand ging inzwischen bis zum Boden runter. Die Flugsicht und die Bodensicht verringerten sich auch immer mehr. Nach wenige Minuten, dann müsste ich umkehren und landen. Nach Sichtflugregeln war ein Durchkommen nicht möglich. Hinter mir konnte ich gerade noch den Flugplatz von Erfurt erkennen. Ich habe gebetet. Nicht aus Angst, aber mit dem Nachdruck, wenn es um einen geliebten Menschen geht. "Jesus, ich brauche ein Loch in dieser Wand!".

Im selben Moment: Ein winziger Lichtpunkt vor mir! Was ist das? Kommt mir ein Flugzeug mit eingeschalteten Scheinwerfern entgegen? Das ist ja eine übliche Praxis bei schwierigem Wetter, um besser gesehen zu werden. Der Punkt wurde größer, bis er so etwa die halbe Cockpitscheibe einnahm. Es war das erbetene Loch! Nur 1-2 km breit und ein paar hundert Meter hoch. Wie ein Trichter, wenn man von der Engstelle her kommt! Wie ein Fenster mitten in der Luft! Dahinter freie Sicht! Einige vereinzelte kleine Wölkchen. Sonnenschein! Das war ein Geschenk des Himmels! Der Dank geht nach "oben"!

 

Und meine Tochter und ihre Freundin haben geschlafen und nichts davon mitbekommen! Über den Kopfhörer haben sie zwar den Funk mitgehört, aber eh kaum etwas davon verstanden.

So haben sie auch nicht mitbekommen, dass eine große Zahl von Kleinflugzeugen, wie wir, in echte Not gerieten. Einige flogen kilometerweit an der Front entlang, ohne ein Loch zu finden. Ich habe so etwas noch nicht erlebt. Die Fluginformation, mit der ich natürlich ständig in Kontakt war, konnte den anderen Piloten keinen Ausweg durchgeben. Zum ersten und einzigen Mal habe ich erlebt, dass die Piloten gebeten wurden, ihre Position und ihre momentane Wettersituation durchzugeben! Vielleicht hat meine Meldung über das wohl einzige Loch in dieser Wand noch anderen geholfen.

 

Bis Poltringen flog wir dann im Sonneschein. Erst über den kleinen Wolken des Rückseiten-Wetters, dann, für den Landeanflug, mitten dazwischen. Die Landebahn in Poltringen lag glitzernd vor mir. Glitzernd, weil sie klatsch nass war! Abrollen, abstellen. Einige Vereinskameraden kamen auf mich zu: "Wo kommst denn Du her? Eben ging noch ein Unwetter mit sintflutartigem Regen über dem Platz nieder!" Ich konnte nur sagen, dass ich, seit Erfurt, nur noch in der Sonne geflogen bin! Ich hatte nicht nur ein Loch in der Front geschenkt bekommen, sondern einen ganzen passenden Frontverlauf. Zur Ehre unseres großzügigen Gottes sei es hier berichtet!

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