Jeder Pilot möchte natürlich irgend wann die bekannten, ausgetretenen Pfade verlassen und neue, unbekannte Routen ausprobieren und Flugplätze anfliegen. Am 18 Januar 1993 war das auch bei mir so weit. Ein geschäftlicher Termin in Haßfurt klang verlockend. Genügend Zeit zum Hinkommen, keine allzu lange Strecke und Kollegen, die unter der Woche beim Ausräumen behilflich sein würden.

Streckenplanung und Wetterberatung
Mit größter Sorgfalt wurde die Flugplanung gemacht. Strich in der Karte, Auffanglinien markiert, Teilstrecken ausgerechnet und eingetragen, notwendige Frequenzen herausgeschrieben. Und natürlich, Weight and Ballance, also Schwerpunkt- und Startstrecken-Berechnung durchgeführt. Soweit alles OK. Was noch fehlte, war der Anruf beim Flugwetterdienst, um die aktuelle Situation auf der Strecke zu erfahren. Es rückte zwar eine Front heran, aber: "Bis die da ist, sind Sie längst in Haßfurt".

Einmal gestartet, sah das Wetter nicht mehr ganz so optimistisch aus. Dunkle, schwarze Wolken bedeckten den Himmel vollständig. Für mein Empfinden hingen sie auch recht tief. Und, je weiter ich nach Norden flog, desto tiefer hingen sie. Ich musste mit meiner Flughöhe immer weiter runter. Und dann war es, für mein Empfinden, schlagartig aus: An der nächsten Hügelkette lagen die Wolken auf! Kein Durchkommen. 180-Grad Kehre und zurück. Mist. jetzt lagen die Wolken auch hinter mir auf. Ich befand mich zwischen zwei Hügelketten, unter mir die Autobahn-Raststätte Geiselwind und 10 Minten entfernt wäre Haßfurt gewesen. Mir klang noch der Satz der Wetterberatung im Ohr: "Bis die Front da ist, sind Sie längst in Haßfurt". In meiner Not fing ich an, Vollkreise über der Raststätte zu fliegen. Von einem Rand des kleinen Tals zum anderen Rand. Immer knapp unter den Wolken. Einen Vollkreis. Und noch einen. Und noch einen. Es wurde nicht besser. Beruhigend war nur, dass ich die Tanks vor dem Abflug voll bis zum Stehkragen voll gemacht hatte.

Vollkreise
Die Zeit verging mit Vollkreisen. Über eine Stunde lang! Die Tankanzeige ging immer weiter runter. Alle Versuche, per Funk irgendjemand zu erreichen, schlugen fehl, weil die Hügel die Funkwellen abschotteten. Man bedenke: Handies gab's damals noch nicht. So langsam musste ich mir Gedanken machen, welche Alternativen mir noch blieben. Ich konnte ja nicht einfasch warten, bis ich keinen Sprit mehr hatte!
Wieder überflog ich die Raststätte. Jetzt standen auf einmal Polizisten in der Ausfahrt neben ihrem Fahrzeug und starrten zu mir hoch. Beim nächsten Mal standen sie immer noch da und beobachteten mich. Und auch beim nächsten Mal. Ob die ahnten, wie es um mich bestellt war? Oder hatte irgendeine Luftfahrt-Stelle sie informiert? Ich hab's nie erfahren.

Vorbereitung zu einer Sicherheitslandung
Ich entschloss mich zu einer Sicherheitslandung. Zur Erklärung: Was ich vorhatte, war keine Notlandung. Ich war ja nicht gezwungen zu landen. Die Maschine war in Ordnung. Der Motor lief. Ich hatte (noch) genügend Sprit.
Also Klappen auf 10 Grad und nach einer langen Wiese suchen. Zwischen Ort und Raststätte war eine, die mir geeignet erschien. Mulmiges Gefühl, eine Wiese anzufliegen, deren Beschaffenheit unbekannt ist. Ist sie sumpfig? Hat sie nicht sichtbare Zäune, Gräben, Hindernisse? Es half nichts - lieber eine kontrollierte Landung, als ein unkontrolliert leerer Tank. Ich bereitete mich auf die Landung vor.
Heute würde ich in solch einer Situation anders handeln. Zumal, wenn offensichtlich Polizisten bereit stehen. Ein simulierter Anflug auf die Autobahn hinter der Einfahrt mit Landescheinwerfern und voll ausgefahreren Klappen. Kurz über dem Boden wieder hoch, rum und ein zweiter Anflug. Dann begreift es jeder: der will oder muss runter. Ich bin mir sicher, die Polizei hätte sofort den Verkehr angehalten und mir die nötigen 400 Meter freie Autobahn verschafft. Wie gesagt: heute würde ich so handeln.

Gerettet!
Damals begann ich den Landeanflug auf "meine" Wiese. Schon im Sinkflug, hoben sich nach Norden zu ganz plötzlich die Wolken und gaben einen Blick auf helles Gelände dahinter frei!
So schnell hatte ich noch nie zuvor einen Landeanflug abgebrochen! Vollgas, Geschwindigkeit aufnehmen, Klappen rein, Steigen und knapp über die Bäume hinweg zum Landeplatz Haßfurt. Die Dame im Tower hatte zum Glück ausgeharrt und mich nicht auch noch der Not ausgesetzt, auf einem Platz ohne Flugleiter zu landen!

Mit anderthalb Stunden Verspätung kam ich zu meinem Termin! Viel Aufmerksamkeit bekam mein Kunde nicht von mir. Zu sehr steckte die mentale Erschöpfung in mir. So war es auch kein Wunder, dass von dieser Firma bis heute kein Auftrag rüber kam. Ich war einfach froh, ohne Schaden für mich oder das Flugzeug diese Situation überstanden hatte.

Zurück war der Flug einfach, gut und problemlos. Die Front war abgezogen und auf der ganzen Strecke herrschte jetzt schönstes Rückseitenwetter.

Bis heute wundert es mich, dass es niemand im Verein aufgefallen ist, dass ich auf dem Hinflug wesentlich länger gebraucht habe, wie auf dem Rückflug.

Eine wichtige Lektion
Eines habe ich aus dieser Situation gelernt: Niemals nur eine Route planen! Ab diesem Zeitpunkt hatte ich, besonders wenn ich allein unterwegs war, immer zwei Planungen dabei. Eine, die mit dem blauen Strich in der Karte, war für gutes Wetter. Und die zweite, mit dem roten Strich, wenn ich tief würde fliegen müssen. Es wäre nämlich damals überhaupt kein Problem gewesen, den Hügelrücken zu umfliegen. Ein Stück der Autobahn entlang und dann rum zur anderen Seite! Aus Schaden wird man klug!

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