Ohne den ersten Schritt, wird kein Traum Wirklichkeit
Ein Freund sagte mir einmal, dass ich für mich entscheiden müsste, ob das Fliegen ein schöner Traum, ein Phantasiegebilde, also so eine Art innerer Fluchtpunkt bleiben solle, oder ob ich ihn wirklich umsetzen wolle. Wenn der Traum Wirklichkeit werden solle, dann müsste ich bereit sein, konkrete Schritte zu tun.

Die Chance zu konkreten Schritten bot sich, als ich den Landeplatz Poltringen entdeckte. Wir waren kurz vorher von Darmstadt nach Herrenberg gezogen, weil ich Arbeit in Stuttgart-Vaihingen gefunden hatte. Bei einem Wochenendeausflug stand ich am "Tower" und schaute dem Treiben zu. Ein vereinsmitglied zeigte mir in der Halle die eng aufgestellten Flieger. Mcih beeindruckte die Piper mit ihren roten Vorhängen sehr. Und wie groß sie war! Ich konnte mir nicht vorstellen, jemals so ein luxuriöses Teil zu fliegen! Da erschien die kleine Cessna schon erreichbarer zu sein.

Meine Frage nach der Chance und dem Weg, fliegen zu lernen, brachte mir gleich den ersten Dämpfer ein: Der Verein dürfe nur 5 Piloten jedes Jahr ausbilden und der Kurs wäre schon voll. Ich könne ja mal zum Fliegerarzt gehen und mich untersuchen lassen. Na also! Ein konkreter Schritt, den ich gehen konnte. Dr. Spranger untersuchte mich, gab grünes Licht und ich wurde Vereinsmitglied. OK, mit dem Lernen war's noch nichts, aber ich stand mal auf der Warteliste.

Nachrücker
Zwei Wochen später kam ein Anruf von Kurt Egeler: Ein Teilnehmer sei abgesprungen und ich könne nachrücken. Wenn ich wolle. Ich wollte! Ich hatte keine Ahnung, wie eine Pilotenausbildung aussehen würde. Ein Vereinskollege gab sich große Mühe, meine hoffnungsfrohen Erwartungen zu dämpfen und sprach von unzähligen Platzrunden, die ich erst mal zu "schruppen" müsse. Ich konnte mit dieser Information nichts anfangen. Am 20. April 1991 saß ich dann tatsächlich zum ersten Mal als Flugschüler mit Rudi Bockhorn in unserer Cessna 152 mit dem Kennzeichen D-EBOD. Die "Oscar-Delta" gehörte ab sofort zu meinem Leben dazu.

Schnell war es klar, dass die Samstag Nachmittage ab sofort, zumindets bei schönem Wetter, auf dem Flugplatz zu verbringen waren. Wer nicht frühzeitig da war und beim Ausräumen der Maschinen mithalf, hatte so gut wie keine Chance, auch seine Flugstunde zu bekommen. Nach dem Ausräumen saßen wir Flugschüler vor dem "Tower" und warteten, bis wir drankamen. Drei b is vier der angedrohten Platzrunden; dann kam der Nächste dran. Wer sehr viel Glück hatte, kam zwei Mal dran. Neben Glück musste man sich auch einer gewissen Gunst der Fluglehrer erfreuen, um in diesen Genuß zu kommen. Ich war Vereins-Neuling, wusste anfänglich überhaupt nicht, wie so die Spielregeln in einem Verein sind (vor allem, die nicht ausgesprochenen!) und stellte mich auch nicht besonders geschickt beim Fliegen an. Ich habe erst viele Jahre später von Kurz Egeler das zweifelhafte Kompliment bekommen, dass aus mir im Lauf der Zeit doch ein ganz passables Vereinsmitglied geworden wäre.

Vielleicht ist das mit dem Vereinsleben ja grundsätzlich eine Sache, an die man sich gewöhnen muss. Ein Flugsportverein ist, nach allem, was ich in den vielen Jahren erlebt habe, nochmal etwas Besonderes. Ich habe niergends sonst eine so vielschichtige Gruppe von Menschen getroffen, wie hier. Menschen, die es sonst keine fünf Minuten miteinander aushalten würden, verbringen einträchtig ihre Zeit miteinenander. Ncihts verbindet sie - ausser diesem unbändigen Drang, in die Luft zu kommen. Und dafür wird alles Trennende hintan gestellt. Faszinierend! Begeisternd!

Frustrierende Erfahrungen
Meine ersten Flugstunden waren frustrierend. Platzrunde um Platzrunde wurde geflogen - und ich brachte keine Landung zu wege. Die Starts mit der 152-er waren nicht das Problem - das Maschinchen fliegt ja fast von selbst. Aber das leidige Thema "Landung". Unsere Landebahn verläuft fast genau in Nord-Süd-Richtung. Und die vorherrschende Richtung, aus der der Wind kommt, ist Westen. Praktisch jede Landung ist eine Seitenwind-Landung! Ich kam immer irgendwo runter - nur nicht auf der Bahn. Kein Wunder, dass Rudi Bockhorn oft schon bei der Hälfte des Anflugs das Ruder übernahm und das Flugzeug bis zwei Meter über dem Boden selbst steuerte. "So, jetzt hast Du sie wieder", war ein Satz, den ich regelmäßig hörte. Ich wusste überhaupt nicht, was ich jetzt noch machen sollte! So ging es Platzrunde um Platzrunde. Wie schön, wenn mal Windstille war und ich so einigermaßen selbst eine Landung hin brachte!

Ich rechnete jedes Mal damit, rausgeworfen zu werden. Drohend stand die Geschichte im Raum, die angeblich einem Mathematik-Professer vor Jahren passiert sein soll: Weil er immer im entscheidenden Moment zu denken anfing, verpatzte er jede Landung. Irgendwann wurde ihm dann nahegelegt, doch lieber etwas anderes zu machen. Fliegen wäre wohl nicht sein Teil. Wann würde es mich treffen? Sollte ich vielleicht nicht doch besser selbst die Reißleine ziehen, um dieser Schmach zu entgehen? Nein! So lange sie mich nicht rausschmeissen, mache ich weiter!

D-EBOD_01

Zusätzlich plagten mich ganz seltsame Ängste. Auf der einen Seite wollte ich unbedingt das Fliegen erlernen. Auf der anderen Seite hatte ich jedesmal Angst, wenn ich ins Cockpit einsteigen sollte! So saß ich auf dem Bänkchen und hoffte, noch vor Sonnenuntergang mit meinen Platzrunden dran zu kommen. Gleichzeitig hoffte ich, dass etwas dazwischen käme, damit ich nicht einsteigen müsse! Obwohl ich Maschinenbau studiert hatte und mit den regeln der Physik vertraut war, machte mir jede Kurve Angst! Ich erinnere mich noch gut, wie mir Kurt Egeler beim Eindrehen in den Queranflug die Anweisung gab, das Mikro aus seiner Halterung zu nehmen und per Funk Meldung zu machen. Aber das ging doch nicht! Ich musste doch mit beiden Händen das Horn festhalten, weil die Maschine sonst abrutschen würde! Undenkbar nur mit einer Hand zu fliegen! Wie oft sagte mir Kurt, ich solle das Horn doch nicht so krampfhaft festhalten!

Kurt Egeler, mein Retter
Es wurde und wurde nicht besser. Jede Landung bei Seitenwind war ein Desaster. Irgendwann fasste ich mir ein Herz und fragte Kurt, ob er mir nicht mal am Boden, in Ruhe, erklären könne, was denn das Geheimnis einer Seitenwind-Landung wäre! Noch heute erinnere ich mich an die Geduld, mit der Kurt Stück für Stück die Verwendung von Seitenruder, Höhenruder und Querruder erklärte: "Mit dem Querruder legst Du die Maschine etwas gegen den Wind und kontrolllierst  so, dass Du nicht abgetrieben wirst. Damit aber bleichzeitig keine Kurve eingeleitet wird, drückst Du mit dem Seitenruder dagegen. Das nennt man, fliegen mit gekreuzten Rudern". Mir fiel es wie Schuppen von Augen! Klar, das sind zwei Bewegungen, die unabhängig voneinander kontrolliert werden! Hurra! Jetzt ging es vorwärts! Danke, Kurt! Immer seltener griff einer der Fluglehrer bei den Landungen ein. Zumindest konnte ich nichts wahrnehmen!

Erster Alleinflug
Irgendwann kommt bei jedem angehenden Piloten der entscheidende Moment: Der erste Alleinflug! Egal, wie weit es ein Pilot bringt - dieses Erlebnis ist für fast alle so einschneidend, dass man es bis ins Detail erzählen kann. Kurz bevor es bei mir so weit war, flog "Buschi" ein paar Platzrunden mit mir. Demonstrativ zog er die Beine zurück, verschränkte die Arme und sagte: "Jetzt fliegst Du, ich mache nichts mehr". Erst ein paar Jahre später hat er mir erzählt, warum er als Fluglehrer das so machte: "Wenn ich jemand zum ersten Mal allein fliegen lasse, dann muss er in der Lage sein, nur auf Zuruf hin das Richtige zu machen". Kurz darnach war es so weit: Kurz vor Sunset, der Wind war fast vollständig eingschlafen, die Segelflieger waren schon am Boden, stieg "Buschi" aus und sagte: "Die nächsten drei Platzrunden machst Du allein!". Jetzt kam's drauf an! Schon der Start war ein Erlebnis. Sonst stieg das etwas schwachbrüstige Fliegerchen nur mühsam auf die 2700 Fuß Platzrundenhöhe! Jetzt, mit einem Erwachsenen weniger an Bord, erlebte ich zu ersten Mal eine, vermeintlich, sagenhafte Steigleistung! Wow! Geschwindigkeit reduzieren, Klappe erste Stufe, Queranflug, Endteil, über dem Sportplatz Klappen voll gesetzt und nur noch mit ganz wenig Gas zum Aufsetzpunkt anfliegen. Über den Obstbäumen knackte es im Funk. Au weia, jetzt kommt irgendeine Korrektur! Es knackte wieder - der Funk bielb stumm! Ausrollen. Funkanweisung: "Gut so. Gleich nochmal"! Abstellen. Aussteigen. Die Glückwünsche der Kollegen wie im Traum. Jetzt gehörte ich dazu! Ich hatte es geschafft!

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